Redebeitrag vom 30.4.:

„Herzlich Willkommen zur diesjährigen queerfeministischen Take Back the night- Demo!

Eigentlich sollte an dieser Stelle der Redebeitrag von uns, der Vorbereitungsgruppe der Demo, basierend auf dem Aufruf folgen. Aufgrund von Kritik, die uns erreicht hat, haben wir uns entschieden, diesen Beitrag ausfallen zu lassen. Stattdessen wollen wir uns an dieser Stelle kurz mit der Kritik auseinandersetzen.

Wir mussten feststellen: Rassismus als Machtstruktur hat auch unsere Orga strukturiert. In der Demovorbereitung und im Aufruf haben wir Rassismus reproduziert. Scheiße.
In den letzten zwei Tagen haben uns verschiedene Kritiken erreicht, die uns auf rassistische Reproduktionen im Aufruf hingewiesen haben – danke dafür. Diese steht jedoch nicht alleine, schon in der Vorbereitung hat sich gezeigt, dass rassistische Machtverhältnisse in unserer Zusammensetzung eine Rolle spielen. Obwohl wir uns seit diesem Vorfall versucht haben, mit Machtlinien innerhalb der Vorbereitungsgruppe auseinanderzusetzen, haben wir es offensichtlich nicht geschafft, diese Auseinandersetzung im Aufruf zu berücksichtigen.

Wir haben nicht-weiße Perspektiven ausgeblendet und waren ignorant gegenüber den Positionen von FLIT* of color und Schwarzen FLIT*. Weiße Positionen haben wir dadurch als Norm gesetzt und als selbstverständlich behandelt. Im Aufruf haben wir als mehrheitlich weiße Vorbereitungsgruppe ein „WIR“ konstruiert, welches viele Perspektiven und Erfahrungen ausklammert. Das wird uns jetzt erst bewusst. Das heißt, wir checken grad, dass wir uns in Vorbereitung und Aufruf an der Reproduktion von Rassismus beteiligt haben. Damit wollen wir uns weiter auseinandersetzen und aus der Schockstarre in die Reflexion gehen.

In diesen Prozess nehmen wir verschiedene Fragen mit.
Wie können wir einen Aufruf formulieren, in dem wir als FLIT* auftreten und trotzdem keine homogene Gruppe konstruieren? Wie können wir als mehrheitlich weiße Orga über Rassismuserfahrung sprechen, ohne in ein „über andere“-Sprechen zu verfallen? Wie können wir unsere Räume öffnen, vor allem für andere Perspektiven?

Wir finden es wichtig, heute trotz dieser Widersprüche auf die Straße zu gehen. Wir demonstrieren heute nicht nur gegen Sexismus, sondern auch gegen Rassismus, ein Machtverhältnis, welches auch diese Demo, unsere Orga, unsere Szene strukturiert. Wir haben es konkret in der Vorbereitung verkackt, beides zusammenzubringen. Aber wir haben die Vision, dass es möglich ist, diese Verhältnisse zu durchbrechen und anders miteinander umzugehen.

Wir lassen also den Widerspruch zu, in dem wir uns grad befinden und sind überzeugt, dass es trotzdem gut und wichtig ist, heute zu demonstrieren.
Wir wollen in Auseinandersetzung und in Bewegung bleiben und wünschen uns eine kraftvolle und laute Demo!
Lasst uns den sexistischen Normalzustand ins Wanken bringen und Rassismus bekämpfen! Lasst uns gemeinsam gegen homophobe, transphobe, nationalistische Kackscheiße auf die Straße gehen und uns den Raum nehmen, der uns immer noch viel zu oft verwehrt wird!

Toll, dass ihr da seid! “

Queer-feministische Take back the night Demo 2014 Bremen

Wir laden euch, FrauenLesbenInterTrans* ein, am 30.04.2014 nach Bremen zur queer-feministischen Take back the night Demo zu kommen. Gemeinsam wollen wir uns den öffentlichen Raum (wieder)aneignen und queer-feministische Positionen sichtbar machen.

Warum wollen wir auf die Straße gehen?
Die Gesellschaft, in der wir leben, ist durch verschiedene Unterdrückungsverhältnisse strukturiert, wie zum Beispiel patriarchale, rassistische, sexistische, um nur einige zu nennen. Das finden wir scheiße und wollen dem eine queer-feministische, laute, kraftvolle Demonstration entgegensetzen, um unserer Wut auf diese Strukturen Ausdruck zu verleihen.

In unserer Gesellschaft wird von uns erwartet, dass wir eindeutig als Frauen* oder Männer* erkennbar sind und den jeweiligen Rollen- und Identitätsbildern entsprechen. Diese zwei Geschlechtsidentitäten werden als „normal“ gehandelt und als Norm gesetzt. Alle Identitäten, die nicht in diese zwei Kategorien passen, wie z.B. Trans*- und Inter-Positionen, werden als abweichend gekennzeichnet. Uneindeutigkeiten gelten so als etwas „Unnormales“ und werden damit – oft gewaltvoll – diskriminiert. Wie wirkmächtig diese Konstruktionen sind, zeigt sich in dem alltäglichen Zwang, sich permanent in eine der beiden Kategorien einordnen zu müssen, sei es bei Identitätsdokumenten oder beim Gang auf eine öffentliche Toilette. Wir fordern das Recht auf Uneindeutigkeit! Wir wollen diese Kategorien nicht nur als Konstruktionen entlarven, sondern darüber hinaus einen gesellschaftlichen Umgang fern einer vermeintlichen Zweigeschlechtlichkeit denkbar machen. Außerdem fordern wir einen selbstbestimmten Zugang zu medizinischen Behandlungen ohne von anderen, sogenannten Expert_innen, als krank diagnostiziert zu werden. Das beinhaltet auch die klare Absage an willkürliche (geschlechtszuweisende) Zwangsoperationen direkt nach der Geburt.

Wir sind ständig konfrontiert mit sexistischer Werbung und der allgegenwärtigen Vermarktung von vor allem weiblichen* Körpern. Diese tragen dazu bei, Frauen* als Objekte darzustellen und erzeugen „Schönheits“ideale, die mit realen menschlichen Körpern wenig zu tun haben, aber trotzdem starken Druck ausüben, diesen zu entsprechen. Wir wollen nicht auf unsere Körper reduziert werden und dass diese ständig begutachtet, beurteilt und sexualisiert werden. Wir wollen selbst über unsere Sexualität und unsere Körper bestimmen. Dazu gehört auch das Recht und die Möglichkeit, eine Schwangerschaft abbrechen zu können. Wir wollen unsere körperlichen Grenzen selbst definieren und dass diese respektiert werden.

Sexualisierte Gewalt wird vor allem durch Cis-Männer ausgeübt. Circa jede 3. Frau* und jeder 3. Trans*mensch ist in ihrem*seinem Leben davon betroffen. Dabei bleibt ein großer Teil der ausgeübten sexualisierten Gewalt unsichtbar und ungehört und findet in den vermeintlich „guten“ und sicheren Familien, Ehen, Beziehungen und Bekanntschaften statt. Aber auch in der Öffentlichkeit, auf der Straße oder in Kneipen sind wir mit der Gefahr sexualisierter Gewalt, mit Sexismus und diskriminierender Gewalt konfrontiert. Wer kann sich wann wo ohne Angst bewegen? Wer kann sich wie verhalten? Wer kann mit wem wo sorglos knutschen oder Händchen halten? Angestarrt werden… abgescannt werden… blöde Anmachen… abwertende Sprüche… angefasst werden… belächelt werden… Aarrrgh! STOP!!! Wir werden am 30.4. gemeinsam auf die Straße gehen und uns den Raum, der an Abenden wie diesen von feiernden Cis-Männern dominiert wird, zurückholen. Wir wollen uns frei und selbstbestimmt bewegen können – wann, wo und wie wir wollen!

Die absurde Idee, dass es nur zwei Geschlechter gibt, setzt sich fort in der Annahme, dass Heterosexualität das Natürlichste auf der Welt sei. Wen sollen wir begehren? Heterosexualität gilt als unsichtbare Norm, die eine Benennung von homo-, bi-, a-, queeren, poly- usw. Sexualitäten erzwingt. Wir wollen lieben, begehren, mögen wen wir wollen. Wir wollen nicht, dass uns von vornherein eine Sexualität zugesprochen wird, sondern wollen diese eigenmächtig bestimmen und leben können. Wir wollen öffentlich knutschen, mit wem wir wollen, wann wir wollen und wo wir wollen. Es ist unsere Entscheidung, ob wir gerade viele Menschen, einen Menschen oder keinen begehren und was wir mit unserem Begehren wie anfangen wollen.

Die beiden anerkannten Geschlechter „Frau“ und „Mann“ sind als gegensätzliche Gesamtpakete konstruiert. Hier werden den jeweiligen Identitäten bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen, Aussehen, Fähigkeiten, Zuständigkeitsbereiche zugeschrieben. Diese stehen in einem hierarchischen Verhältnis zueinander. „Männlichkeit“ gilt in dieser Gesellschaft als Norm, vermeintlich „männliche“ Eigenschaften“ werden positiv bewertet, vermeintlich „weibliche“ abgewertet. Dies zeigt sich auch in der Verschränkung von patriarchalen Strukturen und Kapitalismus: Frauen* wurde und wird immer noch der Bereich der Reproduktion zugewiesen, das heißt, vor allem Frauen* sollen verantwortlich sein für Kindererziehung, Haushalt, Fürsorge. Reproduktionsarbeit wird meist abgewertet und dazu auch nicht bezahlt. Für die meisten Frauen* gibt es also eine Doppelbelastung aus Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit. Wir haben keinen Bock mehr auf niedrigere Löhne und die Nichtanerkennung von Reproduktionsarbeit, im Öffentlichen wie im Privaten. Wir wollen andere Arbeits-, Familien- und Beziehungsmodelle, in denen wir und unsere Bedürfnisse sichtbar werden.
Aber… Frauen* können doch auch Karriere machen?! Einige privilegierte Frauen* können es sich leisten, das Problem der Reproduktionsarbeit für sich im Privaten zu lösen. Oft werden diese Tätigkeiten dann an mehrfach diskriminierte Frauen* abgegeben. Am System ändert sich dadurch nichts, die Problematik wird verschoben von einer sexistischen Struktur hin zu einer Struktur, in der sich Sexismus und Rassismus überschneiden. Deutlich wird an diesem Beispiel: Die Unterdrückungsverhältnisse sind eng miteinander verwoben, sie können sich gegenseitig stabilisieren oder gegeneinander ausgespielt werden. Ein solidarischer Feminismus muss den Kampf gegen jede Form von Unterdrückung und Herrschaft beinhalten.

In unserer Gesellschaft gibt es ein ganzes Netz von unterschiedlichen Machtlinien, in dem Menschen unterschiedlich positioniert und betroffen sind. Die verschiedenen Unterdrückungsverhältnisse existieren nicht nur nebeneinander, sondern sind miteinander verschränkt und schaffen eigene Formen der Diskriminierung. Während also einige Personen oder Personengruppen mehrfach diskriminiert werden, gibt es andere, die in mehrfacher Hinsicht privilegiert sind, also konkrete Vorteile daraus genießen. In unserer Gesellschaft sind mittelständisch-akademische, able-bodied, weiße, deutsche, heterosexuelle, cis-Männer die Personengruppe, die potenziell die meisten Privilegien hat. Sie hat einen leichteren Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen, zu wichtigen Positionen in Politik, Wissenschaft, Industrie und wird auch medial am vielschichtigsten dargestellt. Das bedeutet also nicht, dass alle Männlichkeiten in gleicher Weise privilegiert sind. Genauso kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle FrauenLesbenInterTrans*-Personen gleiche Diskriminierungserfahrungen teilen. Wir sind uns bewusst, dass auch in unserer Vorbereitungsgruppe die Verteilung von Privilegien ungleich ist und wir von unterschiedlichen Machtverhältnissen negativ und positiv betroffen sind. Das kann dazu führen, dass auch auf der Demo bestimmte Positionierungen mehr vertreten sind als andere. Wir wollen versuchen, einen bestärkenden, empowernenden Schutzraum für alle zu schaffen; wir sind uns aber bewusst, dass dieser möglicherweise nicht für alle FLIT* verschiedener Positionierungen gleichermaßen gilt.

Sowohl in der Vorbereitung als auch in der Durchführung der Demo wollen wir einen Raum schaffen, in dem wir uns austauschen, ausprobieren und andere politische FrauenLesbenInterTrans* kennenlernen können. Wir wünschen uns, dass hier viele Entwürfe von Geschlecht und Begehren ausgelebt werden können abseits von einer Aufgabenverteilung, die Frauen* in die Küche und Männer* an den Lautsprecher und in die erste Reihe der Demo verweist. Zu anderen Gelegenheiten freuen wir uns auf gemischte feministische Zusammenhänge und solidarische Aktionen in Zusammenarbeit mit cis-Männern. Aber an diesem Tag wollen wir FrauenLesbenInterTrans* unsere negative Betroffenheit von patriarchalen, sexistischen, trans- und homofeindlichen Verhältnissen selbstermächtigend umkehren und wütend und kämpferisch ohne cis-Männer auf die Straße gehen!!

Dieser Tag soll uns gehören!

Lasst uns die Straßen verqueeren und die herr-schenden Verhältnisse ins Wanken bringen – für eine Welt ohne Unterdrückung und für ein selbstbestimmtes Leben für alle!

Bubbles:

Ein Cis-Mann ist ein Mensch, der bei der Geburt als Junge eingeordnet wurde, als Mann wahrgenommen werden und auch so leben möchte.

Frauen* und Männer*: Das Sternchen weist darauf hin, dass die Kategorien „Frau“ und „Mann“ nicht natürlich, sondern gesellschaftlich konstruiert sind. Das Sternchen soll sichtbar machen, dass es kein einheitliches Bild gibt, sondern unterschiedliche Entwürfe als „Frau“ oder „Mann“ zu leben

able-bodied ist eine Bezeichnung für Menschen, die in unserer Gesellschaft als nicht behindert gelten.

Trans* bezeichnet alle Menschen, die die Grenzen der ihnen zugewiesenen Geschlechtsidentität überschreiten.

Inter* ist eine Bezeichnung für Menschen, bei denen die Geschlechts-Merkmale (zum Beispiel Genitalien) nicht eindeutig „männlich“ oder „weiblich“ sind.

Patriarchat: gesellschaftliche und strukturelle Verankerung der männlichen* Vorherrschaft, die sich in verschiedenen Lebensbereichen zeigt z.B. in der Verteilung von Reichtum und Macht, der Auslegung von Werten und Normen und der Verwendung von Sprache.

Workshops ab 15 Uhr
Essen 18 Uhr
Plenum 19 Uhr
Demo 20 Uhr – Treffpunkt: Mädchenkulturhaus, Heinrichstraße 21

weitere Infos: tbtn2014bremen.blogsport.de
Take back the night – Queerfeministische Inhalte auf die Straße tragen
für Schlafplatzbörse und Kinderbetreuung schreibt an: takebackthenight2014@riseup.net